1. Zwischenbericht 2013

Seit Jahren stellen wir fest, dass bei über 50 % der westziehenden Weissstörche (Ciconia ciconia) der nordwestlichen Population sich das Zugverhalten stark verändert hat. Ein hoher Prozentsatz dieser Vögel zieht nicht mehr nach Westafrika, sondern überwintert bereits im Süden Spaniens. Die Vögel halten sich dort zur Nahrungssuche vor allem auf einigen grossen, offenen Mülldeponien auf. 

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Die Frage nach dem Auslöser des veränderten Zugverhaltens ist bisher nicht beantwortet. Sind vielleicht die früheren „Ansiedlungsprojekte“ dafür mit verantwortlich? Vor einem halben Jahrhundert wurden Weissstörche aus Nordafrika in die Schweiz und indirekt auch in andere Länder Westeuropas „importiert“, um die damals fast ausgestorbenen Populationen wieder aufzubauen. Die Gene der „angesiedelten“ Vögel befinden sich heute wahrscheinlich in vielen „europäischen“ Störchen. Haben sie vielleicht Einfluss auf Zugweg und -entfernung? Welche Rolle spielt der Klimawandel? Viele Fragen sollen mit dem Projekt „SOS Storch Storchenzug im Wandel“ beantwortet werden.

Um die Bevölkerung und die Fachwelt für die Problematik „Verändertes Zugverhalten“ zu sensibilisieren, ist eine intensive, projektbegleitende Öffentlichkeitsarbeit vorgesehen. Das Projekt wurde als Kooperation verschiedener Projektpartner (Organisationen und Fachleute) in allen Ländern entlang der Zugroute der Westzieher konzipiert. 

Wir freuen uns auf die Mitarbeit weiterer Projektpartner, zusätzlich zu den hier aufgeführten aktuellen Partnern:

Im Projekt „SOS Storch – Storchenzug im Wandel“ arbeiten die Projektpartner mit Sponsoren zusammen, die jeweils einen oder mehrere Satellitensender und deren „Betriebskosten“ finanzieren (siehe auf der Projekt-Website von Storch Schweiz unter „Senderstörche“).

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Laut einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 1999, die bis zum Jahr 2016 umgesetzt werden soll, muss der organische Anteil des deponierten Mülls in den EU-Ländern sukzessive auf bis zu 3% reduziert werden. Im Klartext bedeutet das: Essensreste und ähnliche Haushaltsabfälle werden aussortiert und kompostiert, verbrannt oder in Biogasanlagen verwertet. Welche Folgen wird das Verschwinden der Nahrungsquelle „Müll“ für die in Südspanien überwinternden Störche haben? Wie weit wurde die EU-Richtlinie bereits umgesetzt? Wie sieht der Zeitplan für die Umsetzung der Richtlinie auf den südspanischen Deponien aus? Welche Bedeutung haben die Mülldeponien für die Störche, im Vergleich zu anderen Nahrungsressourcen in der Region? 

Zusammenfassung des bisherigen Projektverlaufes Dezember 2012 

Nach mehrmonatiger Planung und Vorbereitung begann im Januar 2011 die eigentliche Projektarbeit mit einer Recherche- und Forschungsreise. Mehrere Wochen lang war der Projektleiter in Spanien unterwegs, um den Status Quo zu ermitteln, erste Untersuchungen anzustellen und Kontakte zu potentiellen Projektpartnern herzustellen. Besucht wurden dabei verschiedene Deponien. 

Bild_1_300pxIn den Jahren 2011 und 2012 kamen 9 GPS-Satellitensender in der Schweiz zum Einsatz: Fünf Sender wurden im Jahr 2011 ursprünglich auf den folgenden Jungstörchen befestigt: Bruno (Uznach/SG), Dani (Kartause Ittingen/TG), Amelios (Zoo Basel), Düschess (Biel-Benken/BL) und Sämi (Murimoos/AG). Drei dieser Störche verunglückten bereits 2011 (Bruno, Amelios und Düschess). Die Sender von Amelios und Düschess konnten geborgen werden und wurden 2012 auf den Jungstörchen Elvis (Biel-Benken/BL) und Toni (Rothenburg/LU) wieder verwendet. 

Vier weitere Sender wurden im Jahr 2012 angeschafft und auf den Jungstörchen Sünni (Uznach/SG), Yumna (Zoo Basel), Amelios II (Zoo Basel) und Manuela (Hünenberg/ZG) eingesetzt. Ein oder zwei dieser Vögel sind in 2012 ausgefallen (Sünni und evtl. Manuela). Auch der Senderstorch Dani aus 2011 verunglückte im Jahr 2012. 

Insgesamt wurden somit seit Beginn der Besenderungen in 2011 und 2012 elf Jungstörche telemetriert, von denen zum Ende des Jahres 2012 noch fünf (evtl. sechs) lebten (Sämi, Elvis, Yumna, Amelios II, Toni und Manuela) und Daten lieferten. Die Ausfallrate von etwa der Hälfte der Jungstörche erscheint auf den ersten Blick sehr hoch, entspricht aber etwa der Mortalität, die von Jungstörchen im ersten Lebensjahr zu erwarten ist. 

bruno_karte_300pxSenderstorch „Bruno“
Bereits im Oktober 2011 verunglückte Bruno auf der Mülldeponie der Stadt Kenitra in Marokko, nördlich von Rabat. Danach trafen noch ein Jahr lang, bis zum 23.10.2012, sporadisch Koordinaten seines Senders ein, immer von der gleichen Stelle. Die Sensordaten zeigten allerdings eindeutig, dass der Vogel tot ist. 

dani_karte_300pxSenderstorch „Dani“
Nachdem Dani sich Ende 2011 überwiegend an der Mülldeponie von Ejea de los Caballeros (nördlich von Zaragossa) aufgehalten hatte, verblieb er dort auch bis Ende April 2012. Dann zog er nach Osten zur Mittelmeerküste und hatte bereits am 11.5.2012 die Pyrenäen in nördlicher Richtung überquert und erreichte Mitte Mai die Region bei Bourg-en-Bresse, nur etwa 70 km westlich von Genf. Ab Mitte Mai bis Ende August hielt er sich dort auf im Umfeld der Mülldeponie auf und zog innerhalb weniger Tage durchs Rhonetal nach Süden, wo er sich bis zum November in der Camargue aufhielt. Mitte November 2012 verunglückte er dort, ein paar Kilometer südlich des Étang de Scamandre. 

amelios_karte_300pxSenderstorch „Amelios“
Bereits seit Ende November war klar, dass Amelios in Spanien nahe der Stadt Teruel im August 2011 ums Leben gekommen war. Am 24.3.2012 konnte dann ein Team unseres Projektpartners SEO (Spanische Ornithologen-Gesellschaft) den Sender nach intensiver Suche bergen. Arturo Bobed Ubé von der SEO Teruel hat folgendes mitgeteilt: „Gestern haben wir den Sender von Amelios in Jabaloyas (Teruel) gefunden. Er lag in schwierigem Gelände. Wir haben zuerst einige Federn entdeckt und danach den Sender in der Nähe eines steilen Abhangs….“. Der Sender wurde im August 2012 auf dem Jungstorch Toni befestigt (siehe hinten). 

dueschess_karte_300pxSenderstorch „Düschess“
Düschess war bereits im August 2011 in der Nähe seines Besenderungsorts verendet. Der Sender konnte von Beat Huggenberger (IIGSFBB Biel-Benken) geborgen werden und wurde im Juni 2012 auf dem Jungstorch Elvis befestigt (siehe hinten). 

saemi_karte_300pxSenderstorch „Sämi“
Sämi war bereits in 2011 mit der Überwinterung im Senegal nahe der Stadt Kaolack der am weitesten gereiste Senderstorch des Projekt „SOS Storch“. Mitte März 2012 trat er vom Senegal aus seine Rückreise nach Norden an. Wenige Tage später erreichte er den Süden Mauretanien. Bereits am 14.4.2012 befand er sich in Südspanien und erreichte nach bilderbuchmässigem Zug am 23.4.2012 die Region Lerida. Bis Anfang August 2012 hielt er sich im Umfeld der Mülldeponie von Castelnou de Seana auf, etwa 30 km östlich von Lerida. Bis etwa Mitte August zog er über verschiedene Stationen nach Südwesten bis Zaragossa und wurde etwa 250 km weiter südlich nahe der Deponie bei Alcázar de San Juan geortet. Danach herrschte Funkstille. Es schien sicher, dass der Vogel dort verunglückt war. Umso grösser war die Freude, als ab 15.11.2012 plötzlich wieder regelmässig Koordinaten eintrafen, und zwar wiederum, wie im Jahr zuvor, aus dem Senegal, im Bereich der Städte Kaolack und Touba. Ein vorübergehender technischer Defekt hatte den Sender stillgelegt. Bis zum Ende des Jahres 2012 hielt sich Sämi weiterhin im Senegal auf und lieferte zuverlässige Daten. 

elvis_karte_300pxSenderstorch „Elvis“
Am 12.6.2012 wurde in Biel-Benken der Sender des verunglückten Storchs „Düschess“ auf dem Jungstorch Elvis befestigt. Nach der ersten Augustwoche 2012 begann der Vogel seinen Zug nach Süden. Mit kürzeren Aufenthalten nahe Solothurn, Avenches und Gland erreichte er das Rhonetal und war am 21.8.2012 nahe Salon-de-Provence. Entlang der Mittelmeerküste erreichte er am 28.8.2012 Lerida in Nordspanien. Von dort aus ging der Zug am 16.9. über Zaragoza nach Alcázar de San Juan, wo er sich etwa 2 Wochen lang auf der Deponie aufhielt. Seit Anfang Oktober war er stationär im größeren Umfeld der Stadt Almagro, dabei auch häufig auf der dortigen Mülldeponie. Seit Anfang Dezember 2012 fiel mehrfach bis zu 2 Wochen lang der Sender aus, vermutlich aufgrund zu niedriger Batteriespannung, aber aktuelle Daten belegen, dass der Vogel lebt. 

suenni_karte_300pxSenderstorch „Sünni“
Sünni wurde am 12.6.2012 in Uznach mit einem neuen GPS-Sender versehen. Vom 26.7. an wechselte er zeitweise nach Hombrechtikon und begann seinen Zug am 13.8.2012. Über Lausanne flog er in die Region ca. 50 km südlich von Lyon, wo er sich zusammen mit rund 175 Störchen bei Saint Maurice-l’Exil aufhielt und, vermutlich am 16.8., mit einer Freileitung kollidierte. Am Abend des 18.8. wurde Sünni von Jacques Frier dort verletzt beobachtet. Am 22.8.2012 lieferte Jacques Frier den durch Stromschlag verletzten Vogel bei Pascal Tavernier ab, dem Direktor der Vogelpflegestation von Saint Forgeux nordwestlich von Lyon. Sünni hatte einen gebrochenen Coracoid-Knochen (Pendant zum Schulterblatt bei Säugetieren) und Verbrennungen, konnte aber am 3.10.2012 geheilt wieder in die Freiheit entlassen werden. Der Sender ist leider nicht mehr funktionsfähig. 

yumna_karte_300pxSenderstorch „Yumna“
Yumna wurde am 13.6.2012 im Zoo Basel mit einem neuen GPS-Sender versehen. Nach anfänglichen „Ausflügen“ 5-10 km weit in die Region südlich der Stadt zog er am 14.8.2012 in südwestlicher Richtung ab und hielt sich ab 16.8. einige Tage lang in Frankreich, Region Bourg-en-Bresse, auf. Am 27.8. setzte er den Zug durch das Rhonetal und über Lyon und Valence fort und erreichte am 29.8. die Mülldeponie südwestlich von Montpellier. Er hielt sich dort jedoch nicht länger auf, sondern flog zügig weiter entlang der Mittelmeerküste, überquerte den östlichen Zipfel der Pyrenäen erreichte am 1.9.2012 Spanien. Die Deponie von Lerida überflog er ohne größeren Aufenthalt. Auf der Deponie bei Alcazar de San Juan, etwa im Zentrum Spaniens, hielt er sich etwa 1 Woche lang auf, bevor er am 9.9. weiter nach Süden zog. An der Deponie von Almagro legte er einen nächsten Stop ein und zog am 20.9. zügig weiter zur nächsten Deponie, südlich von Cordoba. 4 Tage später ging es weiter nach Südwesten in die Reisfelder auf der Insel Isla Mayor im Guadalquivir-Fluss, ca. 30 km südlich von Sevilla. Etwa einen Monat lang hielt er sich hauptsächlich dort auf, bevor er am 21.10. erstmals die etwa 20 km entfernte Deponie von Dos Hermanas besuchte. Bis zum Ende des Jahres war diese Deponie dann der Haupt-Aufenthaltsort, allerdings wurden immer wieder auch die Reisfelder auf der Isla Mayor angeflogen. 

amelios_II_karte_300pxSenderstorch „Amelios II“
Amelios II wurde ebenfalls am 13.6.2012 im Zoo Basel mit einem neuen GPS-Sender versehen. Abgesehen von einer zeitlichen Verschiebung von mehreren Tagen verlief sein Zug recht ähnlich dem von Yumna. Amelios II verliess Basel am 8.8.2012 in südwestlicher Richtung, folgte dann aber nicht dem Rhonetal nach Süden, sondern überflog etwas weiter westlich das Zentralmassiv. Er erreichte am 10.8. bei Perpignan den östlichen Rand der Pyrenäen, die er am nächsten Tag überflog. Am 13.8. war er in Lerida, besuchte aber die Mülldeponie nicht. Er flog nach Westen und hielt sich für einige Tage im Ebrotal östlich von Zaragoza auf, bevor er am 2.9. den Zug nach Südwesten fortsetzte und bereits am 3.9. Cordoba erreichte und schon die erste Nacht auf dem Dach einer grossen Halle der Mülldeponie verbrachte. Er verweilte (und übernachtete) bis zum 23.9. auf der Deponie und suchte gelegentlich das benachbarte Tal des Rio Guadajoz auf, vermutlich, um dort zu trinken. Am 24.9. zog er weiter nach SW bis in die Reisfelder auf der Isla Mayor bei Sevilla. Gelegentlich besuchte er auch die etwa 16 km entfernte Deponie von Dos Hermanas. Am 1.10.2012 flog Amelios II zurück zur Deponie von Cordoba, etwa 2 Wochen später wieder auf die Isla Mayor. Nach mehreren kurzen Aufenthalten auf den Deponien von Dos Hermanas und La Puebla de Cazalla hielt er sich ab 2.10. wieder für 10 Tage auf der Deponie von Cordoba auf, um am 13.10. auf die Isla Mayor zurückzukehren. Vom 24.11. bis 2.12.2012 folgte wieder eine Phase auf den Deponien Dos Hermanas und La Puebla de Cazalla, dann wieder die Deponie Cordoba, auf der er bis zum Jahresende blieb. Somit bewegte sich Amelios II im Winter 2012 regelmässig zwischen verschiedenen „Futterplätzen“, die bis zu 135 km voneinander entfernt lagen. 

manuela_karte_300pxSenderstorch „Manuela“
Der Jungstorch Manuela wurde am 23.6.2012 in Hünenberg im Beisein von Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard besendert. Am 2.8. verliess der Vogel die Region von Hünenberg und flog ca. 35 km nach Uznach. Er pendelte bis zum 17.8. zwischen Uznach, dem Lützelsee/Hombrechtikon und um den südlichen Zürichsee, kehrte dann zeitweise nach Hünenberg zurück und flog am 22.8. nach Altreu/Solothurn. Von dort startete Manuela am 23.8. den Zug nach Südwesten, war am 24.8. am Südende des Genfer Sees, übernachtete am 25.8. im Rhonetal zwischen Grenoble und Lyon. Am 26.8. erreichte Manuela die Region um Montpellier, wo wir vom Ufer des Etang de Thau um 14:00 Uhr die letzte GPS-Koordinate erhielten. Bisher schien das plötzliche Ausbleiben weiterer Signale darauf hin zu deuten, dass der Vogel dort verunglückt ist. Bei einer Analyse aller Rohdaten sind nun jedoch einige Koordinaten und Sensordaten aufgetaucht, die dafür sprechen, dass lediglich der Sender ausgefallen ist: So liegt eine letzte (wenn auch ungenaue) Doppler-Koordinate vom 28.8.2012, 12:47 Uhr, auf einen Ort ca. 50 km südwestlich von Zaragossa. Die Entfernung (ca. 530 km Flugstrecke) von der letzten bekannten GPS-Koordinate könnte der Vogel ohne weiteres in 2 Tagen zurückgelegt haben. Somit besteht die Hoffnung, dass auch Manuela sich vielleicht in der Zukunft wieder „meldet“. 

toni_karte_300pxSenderstorch „Toni“
Der Senderstorch Toni wurde am 18.8.2012 in Rothenburg mit dem GPS-Sender markiert, den vorher der Storch Amelios trug. Toni begann seinen Zug am 27.8.. Er folgte dem Rhonetal nach Süden und erreichte entlang der Mittelküste am 5.9. Narbonne. Nach Überfliegung der Pyrenäen im äussersten Osten hielt er sich ab 7.7. im Umfeld der Deponie Castellnou de Seana auf, 30-40 km östlich von Lerida. Am 12.9. flog er weiter nach Lerida und hielt sich bis mindestens 4.10.  im Umfeld der Stadt und auf der benachbarten Deponie Montoliu auf. Bis zum 17.12.2012 gingen dann von Toni keine neuen Koordinaten ein, so dass davon ausgegangen werden musste, er sei in Lerida verunglückt. Neue Koordinaten vom 18.12. (ca. 45 km westlich von Lerida), vom 29.12. (Deponie Montoliu) und schliesslich vom 1.1.2013 (Stadt Lerida) machten dann jedoch deutlich, dass Toni noch am Leben und in der Region Lerida aktiv ist. 

Fazit aus den Erkenntnissen der Satellitentelemetrie bis Dezember 2012

07_sosstorch_DSC5037_300pxNur zwei (!) der sieben in den Jahren 2011 und 2012 besenderten Störche, die zumindest den ersten Herbstzug überlebten, zogen „normal“, d.h., über die Strasse von Gibraltar hinaus nach Westafrika: Sämi überwinterte bislang zwei Mal im Senegal, Bruno schaffte es immerhin bis nach Kenitra in Marokko, bevor er verunglückte. Zwei der Störche überwinterten im Ebrotal in Nord-Spanien (Dani, Toni), einer in Almagro in Zentralspanien (Elvis), und zwei in der Region Sevilla in Süd-Spanien (Yumna, Amelios II). Damit bestätigen die bisherigen Ergebnisse dass die Veränderungen des Zugverhaltens immerhin mehr als zwei Drittel der überlebenden Vögel betreffen. Eine der Ursachen für diese Entwicklung liegt sehr wahrscheinlich daran, dass der „Nahrungsopportunist“ Weissstorch es versteht, die ganzjährige Verfügbarkeit von Nahrung auf den Deponien intensiv zu nutzen. Welche Rolle die Einbringung nordafrikanischer Gene durch marokkanische/algerische Vögel aus früheren Ansiedlungsprojekten spielt, muss durch weitere Untersuchungen geklärt werden, z.B. zur Genetik der betroffenen Populationen. 

Die Ortsveränderungen mehrerer Vögel, vor allem der Störche Yumna und Amelios II, haben ergeben, dass die Störche bezüglich der Auswahl der „Nahrungshabitate“ sehr flexibel sind. Beide Vögel wechselten mehrfach zwischen bewässerten Reisfeldern und Mülldeponien, jeweils wahrscheinlich in Anpassung an verfügbare Nahrungsressourcen. Um hierzu verlässliche Informationen zu erhalten, wäre darüber nachzudenken, Felduntersuchungen zu Verhalten und Nahrungsbiologie bzw. -Verfügbarkeit an den jeweiligen Aufenthaltsorten durchführen zu lassen, durch Mitarbeiter von Storch Schweiz oder ggf. im Rahmen einer Zusammenarbeit mit spanischen Forschungseinrichtungen und Universitäten (z.B. Diplom- oder Doktorarbeiten). 

Internationale Feldforschung in Spanien

Die überwiegend nicht ziehende Storchenpopulation von Malpartida de Caçeres ist prädestiniert für Untersuchungen zu den Auswirkungen veränderter Strategien auf Mülldeponien. Dort wurde in den letzten Jahren eine grosse, offene Deponie geschlossen und durch eine neue Deponie (Ecoparque), bei der Abfälle zunehmend kompostiert oder anderweitig bearbeitet werden, ersetzt. Feldbeobachtungen durch lokale Fachkräfte in Zusammenarbeit mit Storch Schweiz werden dort zeigen, wie die Störche auf das veränderte Nahrungsangebot reagieren. 

malpartida_DSC7960_300pxUm verlässliche Daten über die Nutzung der Deponie und der natürlichen Lebensräume durch die lokale Storchenpopulation zu erhalten, werden derzeit Datenlogger eingesetzt. Die Geräte sind etwa so gross wie die bisher verwendeten Satellitensender. Sie übertragen ihre Daten jedoch nicht via Satellit, sondern sammeln GPS-Koordinaten in einem internen Speicher und müssen mit einem Handgerät, der so genannten Basisstation, in mehrwöchigem Intervall ausgelesen werden. Befestigt werden die Datenlogger mit dem gleichen Rucksack-Geschirr wie die Satellitensender. 

malpartida_DSC8006_300pxIn einem ersten Schritt wurden am 3. Dezember 2012 auf der Deponie Ecoparque zwei mit einem Raketennetz gefangene Weissstörche mit Datenloggern versehen. Sie erfassen durchgehend jeweils 3 GPS-Koordinaten pro Stunde. Mehrfach konnten die Daten bereits von spanischen Kollegen (Manuel Giraldo/Umweltbeauftragter, Manuel Iglesias/SEO) ausgelesen werden. Schon die ersten Ergebnisse, ca. 3150 Datensätze in 3 Wochen, liefern beeindruckende Erkenntnisse. Eine erste grobe Auswertung ergab Folgendes: 

Storch „Lola“ (2381), Daten vom 3. bis 28.12.2012:
Trotz der vermuteten „Unergiebigkeit“ der Mülldeponie als Nahrungsressource hielt sich der Storch zum Nahrungserwerb überwiegend auf der Deponie auf. Zum Trinken begab er sich täglich zu einem Gewässer ca. 600 m westlich der Deponie. Schlafplätze lagen überwiegend in den offenen Steineichenwäldern ca. 1,5 km westlich der Deponie. An einigen Tagen lagen die Aufenthaltsorte 10 bzw. 14 km nordöstlich von der Deponie, Zentrum der Aktivität war jedoch weiterhin die Deponie. 

Storch „Pepa“ (2382), Daten vom 3. bis 28.12.2012:
Auch dieser Storch ernährte sich vom 3.-8.12 und vom 24.-28.12. überwiegend auf der Deponie, allerdings suchte er mehrfach auch Agrar- und Weideland ca. 2,5 km südwestlich von Malpartida zur Nahrungssuche auf. Die Nächte verbrachte der Vogel meist auf seinem Nest im Zentrum von Malpartida de Caçeres, ca. 10 km nördlich der Deponie. Vom 9. bis 23.12.2012 hielt sich Pepa durchgehend ca. 60 km südlich von der Deponie Ecoparque auf, südlich und östlich von Merida, überwiegend auf der grossen Mülldeponie von Merida, zeitweise auch im Agrarland, z.B. nahe Puebla de la Calzada. Die Nächte verbrachte der Vogel dort meist in einem Tümpel nahe dem Ufer des Stausees von Alange.

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Beide Vögel belegen, dass Mülldeponien im genannten Zeitraum auch für die nichtziehenden Störche von Malpartida von überragender Bedeutung sind. Neu war auch die Erkenntnis, dass selbst weit entfernte Deponien zeitweise zur Nahrungssuche angeflogen werden. In den kommenden Wochen und Monaten werden die Datenlogger sicherlich weiterhin wertvolle Daten zur Habitatnutzung der beiden Vögel liefern. 

Bild_7_300pxAufgrund der guten Erfahrungen mit der Technologie der Datenlogger werden im Januar 2013 zwei weitere Altstörche in Malpartida mit Datenloggern versehen. Darüber hinaus sollen im Mai 2013 in Malpartida ausserdem Jungstörche mit Loggern oder Satellitensendern ausgestattet werden. Langfristig ist auch eine ökologische Kartierung nach Biotopen und Landnutzung im Aufenthaltsgebiet der Störche vorgesehen. Dies wird es dann ermöglichen, die Daten zum Aufenthalt der Vögel mit dem jeweils aufgesuchten Lebensraum zu „verschneiden“ und somit weitreichende Informationen zur Ökologie der Störche und zur Bedeutung der verschiedenen Typen von Mülldeponien zu erhalten. 

Die ersten Ergebnisse von drei Schweizerstörchen sind ziemlich erschreckend. Sie zeigen, wie viel Zeit sie tatsächlich zur Nahrungssuche auf Mülldeponien verbracht haben: 

Bei Dani waren es 73% aller Tage, bei Elvis fast 90% (!), und auch bei Yumna immerhin knapp 60%. Das sind nicht etwa Schätzungen, sondern Fakten, die sich durch die GPS-Daten exakt belegen lassen! Unsere Senderstörche ernähren sich also während des Zuges überwiegend bis ausschliesslich von Müll. 

Die vor kurzem begonnene Studie in Zentralspanien des “Nationalen Institutes für Wildtierforschung” (Instituto de Investigación en Recursos Cinegéticos, kurz IREC) hat den Gewichtszustand, Blutwerte und das Vorhandensein verschiedener Krankheitserreger bei Storchenkolonien auf Müllhalden und in natürlichen Lebensräumen untersucht und hat erstaunliche (vorläufige) Ergebnisse erbracht. 

malpartida_DSC8050_300pxWie erwartet sind Storchküken die in der Nähe von Müllhalden geschlüpft, wesentlich schwerer und grösser als Ihre Artgleichen aus zum Beispiel einem Nationalpark – aber sie haben dafür ein deutlich geschädigtes Immunsystem und zeigen Folgeerscheinungen, wie Veränderungen des roten Blutfarbstoffes, die möglicherweise mit verschiedenen Giftstoffen zusammenhängen. Obwohl dies scheinbar ihren Gesundheitsstatus, was storcheigene Erreger angeht, wenig beeinflusst, sind zu diesen in der Darmflora Bakterien dazugekommen, die wenn auch vorerst harmlos, einen sehr hohen Grad an Resistenz gegen Antibiotika aufweisen. Resistenzen, die, auf andere Bakterien übertragen können zu gefährlichen Kombinationen führen. Die Störche, die im Nationalpark aufwachsen, beherbergen so gut wie keine dieser gefährlichen Erreger. 

Das spanische Institut für Wildtierforschung IREC, ein landesweit sehr aktives Forschungsinstitut, ist das Einzige in Spanien in dem Biologen, Tierärzte und viele andere Disziplinen unter einem Dach zusammenarbeiten. Die Arbeitsgruppe „Vogelpathologie“ ist Teil der SaBio Abteilung, sie wird aktiv im Projekt Storchenzug im Wandel zusammenarbeiten.

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Website 

Seit Beginn der neuen Projektphase von „SOS Storch – Storchenzug im Wandel“ im Januar 2011 wird regelmässig im Projektblog (www.storch-schweiz.ch oder direkt auf www.projekt-storchenzug.com) über den Verlauf des Projekts und neue Ergebnisse berichtet. Sämtliche dort publizierten Artikel können weiterhin abgerufen werden. Ein wichtiger Bestandteil der Website ist vor allem die Darstellung und regelmässige Aktualisierung der Zugbewegungen der besenderten Störche. 

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2 Antworten zu 1. Zwischenbericht 2013

  1. Pingback: Energie aus dem Hallertal – Windkraftanlagen in der Diskussion | Völksen

    • Holger Schulz schreibt:

      Sehr geehrter Herr Völksen,

      Grundsätzlich stimme ich Ihren Ausführungen zur Windkraft ja zu. Aber in einer Sache muss ich Ihnen doch widersprechen: In Ihrem Artikel schreiben Sie, dass das Zugverhalten der westziehenden Störche sich aufgrund der Klimaerwärmung ändert. Das kann so aber nicht unwidersprochen bleiben. Die Klimaerwärmung hat möglicherweise ebenfalls einen Einfluss auf den Vogelzug. Aber die derzeitige massive Änderung des Zugverhaltens ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf die offenen Mülldeponien in Spanien zurückzuführen. Diese bieten den Störchen eine ganzjährig verfügbare Nahrungsressosurce. Das ist wohl der Hauptgrund, dass die Störche entscheiden, nicht mehr nach Afrika zu ziehen. Im Detail ist all das auch in unseren Zwischenberichten und auf der Website http://projekt-storchenzug.com nachzulesen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Holger Schulz

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