11. Februar 2011: Wow, was für ein Tag!

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Nein, eigentlich nicht der ganze Tag war besonders, sondern nur der späte Nachmittag. Vormittags beantworte ich eMails und stelle ein paar neue Inhalte auf die Website, also eigentlich ganz normale Büroarbeit. Ich denke, die Google Maps (Satellitenbild-Darstellung) von der Deponie und den Schlafplätzen machen ganz gut deutlich, wie es dort aussieht. Mit den Plus- und Minustasten oben links in den Karten kann man nach Belieben rein- und rauszoomen, und mit gehaltener Maustaste lässt sich der sichtbare Bildausschnitt nach Wunsch verschieben.

Der Abend jedoch bringt es dann dicke: Im Laufe des Tages hatte ich mit Gert Dahms mehrere eMails gewechselt. Dabei kam die Frage auf, ob der Ackerschlafplatz vielleicht nur eine Zwischenstation zum eigentlichen Schlafplatz in der Lagune ist. Zumindest haben er und Helmut Eggers ähnliches in Israel beobachtet. Also quäle ich mein Auto heute nochmal über die katastrophale Piste zum Schlafplatz, um das zu überprüfen.

Kaum am Schlafplatz angekommen, erhalte ich eine eMail von Daniels Freund Pedro Mendez. Er schickt mir die Betretungsgenehmigung für die Deponie Miramundo. Ich bin begeistert, vergesse für kurze Zeit meine Schlafplatzbeobachtungen und bekomme die Ankunft der ersten Störche gar nicht mit. Mit der Genehmigung hatte ich nicht mehr gerechnet, und am Sonntag wollte ich deshalb eigentlich nach Los Barrios weiterreisen. Ohne Pedro hätte das mit der Betretungsgenehmigung für die Deponie Miramundo sicher nicht geklappt. Ganz herzlichen Dank deshalb an ihn. Ab Montag kann ich also auf der Deponie beobachten, fotografieren und filmen. Die beste Nachricht bisher für dieses Projekt.

Obwohl es erst 18 Uhr ist, haben sich bereits einige Vögel auf dem Acker versammelt. Als der Trupp etwa 100 Vögel umfasst, kracht aus einem Busch in der Nähe des Schlafplatzes ein Schuss. Erschreckt fliegen die Vögel auf, nur einer bleibt zurück. Sichtbar verletzt ist er nicht, steht bewegungslos da und macht nach einer Weile nur ein paar Schritte. Als sich später ein paar andere Störche zu ihm gesellen und bald danach auch wieder abfliegen, bleibt er nicht zurück. Offenbar ist alles gut gegangen.

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Aufgeschreckt durch den Schuss …

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Aus diesem Ansitz, oberhalb der Störche, wurde geschossen …

Schiesst man hier auch auf Störche? In diesem Fall wahrscheinlich nicht. Vielleicht hatte der Jäger in seinem Ansitz nahe des Trupps ein Rothuhn oder Kaninchen im Visier. Aber die Sache mit der Jagd ist in Andalusien extrem. Überall, wo in der Nähe der Äcker Felsgruppen oder größere Büsche sind, kann man, bei genauem Hinschauen, kleine Ansitze erkennen. Heute ist Freitag, das Wochenende beginnt, und schon jetzt ballern wieder rundum die Flinten.

Die aufgescheuchten Störche landen etwa 500 Meter entfernt mitten in einem anderen Acker. Ich denke, die Vögel suchen diese exponierten Orte auf, damit sie möglichst weit von Landschaftsstrukturen entfernt sind, in denen Gefahr lauern könnte. Nun ist mir auch klar, warum hier in Südspanien die Weissstörche am Schlafplatz oder allgemein in grossen Trupps so extrem scheu sind.

Natürlich habe ich gleich nach dem Schuss fotografiert und gefilmt. Kurze Zeit später tauchen zwei Jäger bei mir auf, martialisch gekleidet in camouflage. Wahrscheinlich sind es die, die im Ansitz sassen. Erstmal sind sie verärgert, als sie meine Kamera sehen. Aber ich kann sie beruhigen, eigentlich sind es ja auch recht nette Zeitgenossen. Stolz zeigen sie mir ihre gekäfigten Rothühner, die sie bei der Jagd als Lockvögel benutzen. Begeistert erzählen sie, dass sie morgen früh auf Rothuhnjagd gehen. Die Jagd auf Rothühner ist, so hat man mir erzählt, in Andalusien nicht einfach ein „Sport“, sondern wichtiges soziales Ereignis. Dass es da bei vielen nur ums Schiessen geht, weniger um die eigentliche Jagd, das bleibt nicht aus.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit höre ich plötzlich Flugrufe von Vögeln, die mir irgendwie vertraut vorkommen. Zuordnen kann ich sie erst mal nicht, irgendwie klingen sie gänseähnlich. Dann fliegen, noch immer laut rufend und schnatternd, 23 Flamingos (!) an und landen. Aber nicht etwa in der Laguna de Montellano, die nur etwa 300 Meter entfernt ist, sondern vor mir in der relativ kleinen „Pfütze“, die vom letzten Regen in der Senke unterhalb des Ackers steht. Rosaflamingos gibt es an einigen Orten in Spanien, z.B. im Coto Donana Nationalpark und im Salzsee Laguna de Fuente Pedra. In letzterem brüten sie in grosser Zahl. Aber diese herrlichen Vögel hier, in dieser ausgeräumten Agrarwüste in einem winzigen Wasserloch zu sehen, das ist schon faszinierend.

Kurz vor 20 Uhr, fast in völliger Dunkelheit, fliegen die inzwischen etwa 1000 Weißstörche, die noch immer mitten in einem Acker etwa 500 Meter entfernt von mir stehen, nach und nach auf und landen ebenfalls in der kleinen Wasserfläche. Etwa 10 Minuten dauert das Spektakel, bis alle ihren Platz in der „Pfütze“ gefunden haben. Die Flamingos scheinen nicht erfreut über ihre übermächtigen Schlafgenossen. Aufgeregt schnattern sie während des gesamten Einflugs der Weissstörche. Die Störche trinken und scheinen teilweise auch im Wasser nach Nahrung zu stochern. Genaues kann ich nicht erkennen, da es längst zu dunkel ist, und an Fotografieren ist natürlich überhaupt nicht zu denken. Schliesslich ist die kleine Wasserfläche mit dicht stehenden Störchen bis auf den letzten Platz besetzt. Ein grossartiges Bild, wie man es so ähnlich eigentlich nur aus Afrika kennt.

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Der Schlaftümpel der 23 Flamingos und 1000 Störche

Die Schlafplatzfrage ist somit gelöst. Die Störche schlafen nicht auf dem Acker, sondern im flachen Wasser. Bis zum Einbruch der Dunkelheit stehen sie auf Zwischenrastplätzen auf dem Acker, wo sie jede Gefahr auf grosse Entfernung wahrnehmen können. Erst bei Dunkelheit suchen sie die Wasserfläche auf. Als Schlafplatz reicht dann ein flacher, temporärer Regentümpel. Die Beobachtung deckt sich somit mit denen, die Dahms und Eggers in Israel gemacht haben. Manchmal muss man eben länger am Beobachtungsort ausharren. Bei meinem ersten Besuch am Schlafplatz bin ich vor Einbruch der Dunkelheit – die Störche standen noch auf dem Acker – abgefahren, um die schwierige Piste zurück zur Strasse nicht im völlig Finstern fahren zu müssen. Danke, Gert und Helmut, für die Diskussion über das Thema. Sie war der Anstoss dafür, dass ich nochmal genau nachgeschaut habe.

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