25. Januar 2011: Beeindruckende Schlafplatzflüge bei Dos Hermanas

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Mein Tag begann heute wenig spektakulär. Am Vormittag stand Büroarbeit auf dem Programm: Notizen auswerten, eMails beantworten, Fotos archivieren und was sonst noch am Computer zu erledigen war. So langsam gewöhne ich mich wieder an mein Arbeitszimmer auf Rädern. Anders als im heimischen Büro gilt hier die Devise „Ordnung halten“. Denn was einmal im Bermuda-Dreieck aus Kisten, Boxen und kleinen Stauräumen verschwunden ist, das taucht so schnell nicht wieder auf. Das Foto gibt einen Eindruck von Küche und Büro in meinem VW-Bus. Klein und beengt ist es, aber absolut tauglich für so ein Projekt. Das wichtigste Utensil ist auf dem Bild allerdings nicht zu sehen: Die Standheizung, die seit meiner Ankunft in Andalusien im Dauerbetrieb läuft.

Gegen Mittag blinzelt endlich mal wieder die Sonne durch die Wolken, und ich mache ich mich auf den Weg. Für die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts brauchen wir dringend Fotos und Videomaterial, und das gute Licht will ich nutzen. Als ich dann gerade im Umfeld der Deponie angekommen bin, klingelt das Telefon. Daniel Schedler von „Storch Schweiz“ ist dran. Er ist mit seiner Familie unterwegs nach Cadiz und nur noch wenige Kilometer von Dos Hermanas entfernt. Das passt ja bestens, denn ohne Spanischkenntnisse komme ich hier nicht weiter.

Eine halbe Stunde später sitzen wir bei einem Imbiss zusammen und besprechen das weitere Vorgehen. Der geplante Anruf beim Direktor der Deponie ist heute nicht mehr möglich, aber Daniel wird das morgen erledigen. Er ist optimistisch, dass er ein Treffen arrangieren kann. Vor wenigen Wochen war Daniel bereits in der Deponie Los Barrios. Auch er gewann dort den Eindruck, dass möglichst wenig Information aus der Deponie an die Öffentlichkeit gelangen soll. Wir diskutieren mögliche Gründe dafür, doch das ist derzeit noch reine Spekulation.

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Vor Daniels Weiterreise will ich ihm den Ort zeigen, von dem man einen kleinen Blick auf die Deponie von Dos Hermanas werfen kann. Im Spektiv sehen wir heute noch mehr Störche, als ich gestern beobachten konnte. Viele kreisen über der Deponie, andere stehen am Boden. Daniel meint, die Situation sei heute nicht viel anders, als wir sie von 10 Jahren angetroffen haben. Wir sind uns einig: Irgendwie müssen wir reinkommen in die Anlage, und wenn das nicht offiziell gelingt, finden wir einen Weg, uns von außen auf vernünftige Beobachtungsentfernung zu nähern.

Als Daniel mit seiner Familie schliesslich wieder auf dem Weg nach Cadiz ist, hat die Dämmerung gerade begonnen. Ich warte noch am Beobachtungplatz, in der Hoffnung, Störche beim Flug zum Schlafplatz zählen zu können. Dann endlich kommen die ersten. Peu a peu und in kleinen Gruppen fliegen sie direkt über mich hinweg, etwa 200 an der Zahl. Als das Licht dann langsam schwindet, erkenne ich im Fernrohr grosse Schwärme von fliegenden Störchen über der Deponie. Meine gestern genannte Zahl von vielleicht 500 bis 1000 Störchen erscheint mir heute zu niedrig gegriffen. Mindestens Tausend würde ich schätzen. Allein 500 konnte ich zählen, aber wesentlich mehr flogen auf, als es gerade zu dunkel wurde, um weiter zu beobachten. Die Vögel versammelten sich an einer Stelle knapp ausserhalb der Deponie, wahrscheinlich, um auf den dort vorhandenen Eukalyptusbäumen und Pinien die Nacht zu verbringen.

Ihre Bedeutung als Nahrungsressource für ziehende und hier überwinternde Störche hat zumindest die Deponie Dos Hermanas bei Sevilla noch nicht verloren. Wichtig ist für unser Projekt auch, dass offensichtlich viele Überwinterer die Rückreise ins Brutgebiet noch nicht angetreten haben. Dass die Arbeit hier so schwierig wird, dass so viel Detektivarbeit erforderlich ist, um an Informationen zu gelangen, das hatte ich nicht erwartet. Die nächsten Tage werden zeigen, wie es an den anderen Müllkippen im Süden Spaniens aussieht.

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