4. März 2011: Die Deponie Montoliu bei Lerida

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41°32’27.8“N, 0°37’05.5“E. Wenn ich beim nächsten Besuch der Deponie Montoliu mit meinem GPS-Gerät diesen Koordinaten folge, dann müsste das eine Punktladung direkt am Eingangstor der Anlage werden. Anfangs sah das schwieriger aus. In den Koordinaten, die mir vorlagen, hatte es bei der Übermittlung wohl einen Zahlendreher gegeben. Sie führten nicht auf die Müllkippe nahe Lerida, sondern etwa 150 km entfernt auf einen Acker bei Zaragoza. Aber dank der überwältigenden Hilfsbereitschaft der Menschen in Katalonien war das Problem schnell gelöst.

Wie die Deponie heisst, das wusste ich von meiner schwedischen Kollegin Emma Adahl. Der gleichnamige Ort Montoliu war schnell gefunden. Ich frage ein paar Männer, die am Strassenrand an einem betagten Kleinlaster basteln, nach der Deponie. Ohne grosse Worte springt einer von ihnen in sein Auto und winkt mir zu, ihm zu folgen. Etliche Kilometer fahren wir über ein Netz kleiner, holpriger Ackerstraßen, dann sind wir am Ziel. Wie üblich liegt die Deponie versteckt zwischen Hügeln, und Hinweisschilder gibt es nicht. Mein „Guide“ – er sieht ein bisschen aus wie Che Guevara in jungen Jahren – sprintet in das Rezeptionshäuschen, spricht kurz mit der jungen Dame, die dort Dienst hat, und schon ist er wieder unterwegs. Bei der Abfahrt winkt mir noch kurz zu, und ich glaube, so etwas wie „gute Reise“ zu verstehen.

Die Freundlichkeit scheint in Katalonien Standard zu sein, zumindest bei den Menschen, denen ich bisher begegnet bin. Ob im Supermarkt oder an der Tankstelle, überall war man sehr zuverkommend und hat sich geduldig bemüht, mein Spanisch-Kauderwelch richtig zu interpretieren. Auch die Dame am Eingang der Deponie macht da keine Ausnahme. Betreten darf ich das Gelände ohne Genehmigung aus der Zentrale zwar nicht. Aber bereitwillig gibt sie mir alle Informationen, die ich benötige, um doch noch die Störche zu sehen.

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Während der letzten Wochen seien hier 500, Tausend und manchmal sogar mehrere tausend Störche gewesen, erklärt mit die Dame. Heute seien nur wenige da, vielleicht wegen des Regens und der Kälte. Der schlammige Weg, der direkt am Zaun rund um die Deponie führt, erlaubt mir nicht viele Einblicke. Aber dann finde ich den mir beschriebenen Hügel, und mit Fernglas und Spektiv kann ich mir einen Überblick verschaffen. Etwa 350 Störche halten sich derzeit auf der Deponie auf, neben mindestens 1000 Kuhreihern und vielen Möwen. Die Störche nutzen gerade zwei verschiedene Bereiche der Deponie: Ein Teil steht unten im Müll, nur wenige der Vögel suchen gerade Nahrung. Der andere Teil rastet auf einem Hügel neben der Deponie, wahrscheinlich einem bereits abgedeckten Müllberg. Alle paar Minuten hallt ein lauter Böllerschuss über die Deponie. Jedesmal fliegen die Kuhreiher und Möwen dann auf, die Störche jedoch machen lediglich lange Hälse. Wer diesen Lärm macht und warum, das konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen.

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Insgesamt erinnert das Geschehen auf der Deponie Montoliu an meine Beobachtungen bei Medina Sidonia. Die Störche sind derzeit recht inaktiv, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass die schweren Bulldozer, die Kompaktoren, während meiner Anwesenheit nicht zum Einsatz kamen. Heute ist Freitag, vielleicht ist das der Grund, dass ich nur zwei LKW feststellen kann, die Müll anliefern. Dem Geruch nach, der bis zu meinem recht entfernten Beobachtungsplatz dringt, ist organisches Material in den Ladungen dabei. Auch beim Abladen wieder ähnliches Verhalten wie auf der Deponie Miramundo: Die Störche bleiben ruhig, offenbar warten sie auf den Einsatz der Maschine, die die Abfälle verteilt. Eine wesentlich grössere Zahl von Mülllastern fährt nicht diese Deponie an, sondern verschwindet hinter einem Hügel. Dort, ein paar Kilometer entfernt, stelle ich fest, dass eine zweite Deponie existiert, auf der ausschliesslich Bauschutt, Sperrmüll und ähnlicher Müll oohne organische Abfälle abgeladen wird.

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Es ist also kein Zufall, dass in letzter Zeit vermehrt Berichte über auf der Deponie Montoliu überwinternde Störche auftauchen. Die Deponie ist zwar kleiner als die anderen, bisher besuchten, aber sie scheint doch von erheblicher Bedeutung für überwinternde Störche zu sein. Trotzdem: An der Verarbeitung der Abfälle wird bereits gearbeitet. In den grossen Hallen lagert aussortierter Müll. In den kommenden Jahren wird sicher auch hier, ähnlich wie in Los Barrios, der Anteil organischen Materials im deponierten Abfall noch deutlich zurückgehen.

Mehr über die Deponie werde ich wahrscheinlich von Gerard Bota Cabau erfahren, einem spanischen Ornithologen, dessen Kontaktdaten ich von Emma Adahl erhalten habe. Ein von ihr besenderter schwedischer Storch hat auf der Deponie Montoliu überwintert. Vor einigen Wochen hat deshalb auch sie die Deponie besucht.

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Als ich gegen 17 Uhr meine Beobachtungen abbreche, ist die Feldarbeit dieser Projektsaison erledigt. Manches hat, vor allem am Anfang, nicht ganz so geklappt wie geplant. Aber im Grossen und Ganzen haben wir die Ziele dieser Reise erreicht. Heute will ich mir deshalb mal etwas früher einen Campingplatz suchen, „schnell“ das Tagebuch schreiben und dann den Tag gemütlich bei einem gutem Essen ausklingen lassen. Aber dann kommt leider alles ganz anders. Hier im Norden Spaniens sind viele Campingplätze noch geschlossen, und die an der Küste sind überwiegend fest in der Hand von Clubs und Vereinen. Kein Zutritt für Fremde.

Außerdem machen die unvorstellbar chaotischen Strassenverhältnisse aufgrund allgegenwärtiger Bautätigkeit entlang der gesamten katalonischen Mittelmeerküste den Versuch, bestimmte Orte anzufahren, zum Horrortrip. Und so irre ich stundenlang orientierungslos umher, ohne Wegweiser, die mir aus der Patsche helfen könnten. Morgens um halb fünf bin ich schliesslich so übermüdet, dass das Weiterfahren zum Risiko wird. Auf einem Rastplatz kurz vor der französischen Grenze parke ich mein Auto, schalte die Standheizung ein und schlafe noch im Fahrersitz ein. Aufgewacht bin ich dann am nächsten Morgen gegen halb neun, als mir ein anderes Fahrzeug ins Heck fuhr. Aber das ist eine andere Geschichte, und zum Glück ist nichts Dramatisches passiert …

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