29. Januar 2011: Wenn die Störche schlafen gehn …

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Heute Vormittag zeigt der schlecht gelaunte Wettergott nochmal so richtig seine Klauen – als wüsste er, dass seine Tage bald gezählt sind. Heftigste Regenschauer wechseln ab mit kurzen, sonnigen Phasen. Selbst Hagel brasselt vom Himmel, wie ein letztes wütendes Aufbäumen. Jede Bewegung des Autos hinterlässt tiefe, schlammige Rinnen im Gras. Meinen Stellplatz werde ich heute schon wieder wechseln müssen. Wer glaubt bei so was schon noch an eine Wetterbesserung? Aber gegen Mittag endlich klart es auf. Die Sonne kann kommen.

Endlich mal ohne Regen. Trotzdem jedoch klappt nicht alles. Als ich das von Daniel übersetzte Schreiben an den Deponiebetreiber von Medina Sidonia per Fax abschicken will, stellt sich heraus, dass die Nummer nicht mehr existiert. Wir werden wohl am Montag in der Firma Bioreciclaje in Medina Sidonia persönlich vorsprechen müssen. Am Nachmittag mache ich mich auf den Weg zur Deponie. 50 km etwa ist sie entfernt. Der Navi, sonst ein zuverlässiger Begleiter, ist in diesem Teil Spaniens keine große Hilfe. Praktisch jede Straße wurde kürzlich verlegt oder neu gebaut und ist weder im Navigationsgerät noch in meiner 10 Jahre alten Karte enthalten. Als ich endlich an der Deponie ankomme, ist es bereits 17 Uhr.

Totenstill ist es auf der Deponie, keine Mülllaster, keine Mitarbeiter und auch fast keine Störche sind zu sehen. Da erst fällt mir ein, dass heute, am Samstag, natürlich nicht gearbeitet wird. Wenn kein Müll angefahren wird, sind auch keine Störche da – auf den ersten Blick scheint diese Schlussfolgerung logisch. Aber dann beschliesse ich, trotzdem bis zum Sonnenuntergang zu warten, um zu sehen, wie viele Störche heute die Deponie verlassen. Die Schlafplätze der Vögel, so viel wissen wir aus früheren Untersuchungen, liegen im allgemeinen abseits der Deponie.

Auf ein paar Grünlandflächen vor der Deponie suchen zwei Störche nach Nahrung. Einer hat einen gebrochenen Flügel, vielleicht vom Anflug an eine Leitung. Oben, auf der Müllhalde, sitzen 15 Gänsegeier und hoffen noch auf ihr Glück. Kurz vor Sonnenuntergang fliegen ein paar einzelne Störche Richtung Deponie und landen irgendwo auf der Halde, die ich nicht einsehen kann. Viel los ist definitiv nicht. Lohnt sich das Warten?, frage ich mich. Bald wird es dunkel, und schon jetzt ist es empfindlich kalt.

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Gegen 19 Uhr dann ein letzter Blick noch durchs Fernglas – und ich bin elektrisiert. Ein Trupp Störche, etwa 30 Vögel, zieht vor der untergehenden Sonne nach Westen. Auf der Deponie steigen weitere auf, mit schwer rudernden Flügelschlägen, da die Thermik längst eingeschlafen ist. Bald zieht ein endloser Strom von Störchen, nicht eng gepackt, sondern locker in kleineren Gruppen, dem letzten Abendrot entgegen. Als gegen 19:30 Uhr das schwindende Licht keine exakte Beobachtung mehr zu lässt, habe ich 921 Störche gezählt. In den letzten Minuten hat die Zahl nachgelassen, aber einzelne Vögel oder kleine Gruppen, zumindest 50 an der Zahl, kann ich noch immer schemenhaft erkennen.

Eine halbe Stunde lang dauerte der Abflug zum Schlafplatz, und mindestens etwa 1000 Störche sind in Richtung des gleichen Ortes geflogen. Von Gert Dahms und Helmut Eggers weiss ich, dass die Störche von der Deponie in mindestens drei verschiedenen Richtungen zum Übernachten fliegen. Nur eine Abflugrichtung konnte ich heute beobachten, die anderen muss ich an einem der nächsten Tage kontrollieren. Sicher ist nun jedenfalls, dass noch immer, trotz fortgeschrittener Jahreszeit, deutlich mehr als 1000 Störche auf der Deponie von Medina Sidonia überwintern. Ihre Bedeutung als Nahrungsplatz während des Winters hat die Deponie somit noch nicht verloren.

Aber wo verbringen die Vögel die Nacht? Sie sind in Richtung der Bucht von Cadiz geflogen. Bekannte Übernachtungsplätze jedoch liegen, den Angaben von Eggers und Dahms zu Folge, eher im Süden und Norden der Deponie. Mit der (hoffentlich) jetzt kommenden Schönwetterperiode haben wir vielleicht eine Chance, auch dieser Frage auf den Grund gehen zu können.

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