1. Februar 2011: Heimzug der „Deponiestörche“ ist in vollem Gang

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Der Heimzug der Störche, die den Winter auf den Mülldeponien in Südspanien verbracht haben, scheint in vollem Gang. Auch heute können Daniel und ich wieder beobachten,wie etwa 60 Weissstörche sich in unmittelbarer Nähe der Deponie bei Medina Sidonia sammeln und anschließend gen Norden aufbrechen. Das sonnige, wenn auch kalte Wetter und die entsprechend ausgeprägten Thermiken bieten derzeit ideale Bedingungen für den Abzug.

Wieder mal haben wir die Gelegenheit für eine Beobachtung, wie man sie normalerweise nur zufällig mitbekommt. Für uns jedoch steckt in dem Erlebten, trotz aller Begeisterung, auch Enttäuschung. Denn unsere Hoffnung, heute den Direktor der Deponie zu treffen und eine Betretungsgenehmigung zu erhalten, zerschlägt sich erneut. Hieß es beim letzten Besuch noch, der Chef sei werktags vormittags immer hier zu erreichen, erfahren wir heute, dass er in Cadiz residiert. Am Telefon erreichen wir ihn zwar. Aber er will unseren Antrag schriftlich haben, bevor eine Entscheidung fällt. Das bedeutet weitere Verzögerungen, während gleichzeitig mit jedem Tag die Chance geringer wird, auf der Deponie noch grössere Zahlen von Störchen anzutreffen.

Trotz der Enttäuschung wollen wir nicht ganz unverrichteter Dinge wieder abziehen. Auf der Piste um die Deponie sind wir gerade einen Kilometer weit gefahren, als wir in einer Senke, nur etwa 300 Meter neben der Anlage, einen Trupp von etwa 50 Störchen sehen. Ständig gesellen sich weitere aus der Deponie dazu, andere fliegen ab und segeln in der Thermik. Am Grund der Senke verläuft ein kleiner Bach, den alle Neuankömmlinge als Tränke nutzen. Freies Wasser ist auf der Deponie offenbar selten.

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Daniel kann im Spektiv mehrere Ringe erkennen. Auf die Entfernung von 200 bis 300 Metern ist es fast unmöglich, Nummern zuverlässig abzulesen, denn der kräftige und eiskalte Wind versetzt das Fernrohr in starke Vibrationen. Zwei oberhalb des Intertarsalgelenks beringte Vögel tragen Metall-Laschenringe, auf denen Daniel glaubt, eventuell die Beschriftung VVRR untereinander geschrieben erkennen zu können. Hat einer der Ablese-Experten vielleicht eine Idee? Über Hinweise in einem Kommentar zu diesem Eintrag würden wir uns freuen. Ausserdem sieht Daniel einen Vogel mit einem der neuen Kunststoffringe.

Von der Deponie kommen gegen Mittag immer weitere Störche geflogen und segeln über dem Trupp. Aus dem steigen zuerst vereinzelte Vögel auf, um sich den Thermikseglern anzuschliessen, und schliesslich erhebt sich der ganze Trupp in die Luft. Direkt über unseren Köpfen segeln schliesslich zahlreiche Störche im kreiselnden Thermikflug, zusammen mit vielen Möwen und mehreren Gänsegeiern. Es ist ein faszinierender Anblick, die grossen Vögel scheinbar schwerelos mit ausgebreiteten Flügeln in der Luft schweben zu sehen.

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Schliesslich verlassen etwa 50-60 Vögel die Thermiksäule und fliegen aus grosser Höhe im zielgerichteten Gleitflug gen Norden zu. Sie bewegen sich dabei sehr schnell fort, und nach wenigen Minuten verschwinden sie in der Ferne. Für dieses Jahr lassen sie die Deponie hinter sich, um in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland oder anderswo im Westen Europas zu brüten. Die verbliebenen Vögel segeln noch eine Zeitlang über uns und fliegen dann zurück auf die Deponie.

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Auch Daniel und ich machen uns auf den Rückweg, allerdings nicht in die Schweiz, sondern zu unseren „Basislagern“ in Conil de la Frontera. Vorher treffen wir nahe dem Eingang zur Deponie noch einen verletzten Storch, den wir seit mehreren Tagen beobachtet haben. Sein rechter Flügel ist gebrochen und hängt nutzlos herunter. Auf einem Acker ist er zu Fuss unterwegs und sucht am Boden nach Nahrung. Den Heimzug in sein Brutgebiet wird er mit Sicherheit nicht mehr antreten. Ein Fuchs oder anderer Beutegreifer wird sein Leiden wohl bald beenden. Schon mehrfach habe ich hier in diesem Jahr verletzte Störche gesehen, die meisten mit einem gebrochenem Bein.

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Unsere erneuter Antrag auf Betretungsgenehmigung müsste den Direktor der Deponie inzwischen per eMail erreicht haben. Wir sind nun gespannt auf seine Reaktion. Viel Zeit bleibt uns nicht, denn wir befürchten, dass in spätestens 2 Wochen die meisten Überwinterer die Deponien in Andalusien verlassen haben. Es bleibt also spannend. Am Nachmittag und Abend beginne ich mit der Bearbeitung des Filmmaterials, das ich während der letzten Tage vom Schlafplatzflug und Abzug der Störche gedreht habe. Ich hoffe, dass ich Ihnen das Video in Kürze hier präsentieren kann. Jetzt aber ist es erst mal Zeit, zum Schlafen in das Aufstelldach meines VW-Busses zu klettern. Die Temperaturen sollen in der Nacht bis zum Gefrierpunkt sinken. Hier unten in meinem „Büro“ ist es dank der Standheizung gemütlich warm. Auf dem Dach jedoch gibt es keine Heizung. Und auf Frost in Andalusien war ich nicht vorbereitet. Hoffentlich hält mein betagter Schlafsack (und ich) das aus.

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3 Antworten zu 1. Februar 2011: Heimzug der „Deponiestörche“ ist in vollem Gang

  1. Hartmut Sauter schreibt:

    Hallo aus Bad Vilbel in Hessen
    Wir sind begeisterte Leser Ihres Tagebuchs.Nur eine Frage.Kann man denn verletzte Störche,wie Sie jetzt schreiben der Storch mit dem gebrochenen Flügel nicht in eine Auffangstation bringen wo er eventuell wieder geheilt wird?Oder gibt es das dort nicht.Der Gedanke dass er da jetzt elendig leidet macht uns traurig.
    Hartmut und Uschi Sauter

    • Holger Schulz schreibt:

      Guten Abend, Herr und Frau Sauter,

      Sie haben Recht, es ist traurig, ein so schlimm verletztes Tier leiden zu sehen. Eine Storchenauffangstation gibt es hier nicht, und viel helfen könnte sie dem Tier ohnehin nicht. Ein seit Tagen gebrochener Flügel lässt sich nicht wiederherstellen und müsste sehr wahrscheinlich amputiert werden. Das Tier könnte niemals wieder in die Freiheit entlassen werden und müsste in einer Voliere am Boden dahin vegetieren.

      Auf einer Deponie wie bei Medina Sidonia, wo Tausende Störche auf engem Raum überwintern, kommt es immer wieder zu schweren Verletzungen der Vögel, sei es durch Leitungsanflug/Stromtod, durch Verheddern in Draht oder ähnlichem, oder durch das Fressen gefährlicher Gegenstände. Fast bei jedem Besuch an der Deponie sehe ich Störche mit einem gebrochenen Bein, die im Trupp mitfliegen. Andere schleppen, verhakt am Bein, eine Plastiktüte mit sich herum und sind beim Fliegen erheblich behindert. Die Verluste bei der „natürlichen“ Überwinterung in Afrika sind allerdings noch größer als die auf auf den Deponien. Dort fallen die Vögel Hyänen, Schakalen oder Adlern zum Opfer, werden gejagt, von Stürmen über das Meer verdriftet oder sterben einfach an Erschöpfung.

      Vielleicht müssen wir, bei allem gebotenem Mitleid, lernen, zu akzeptieren, dass Tod und Leid bei wildlebenden Tierbeständen unvermeidbar sind. Einfach ist das nicht, und auch mir fällt es schwer.

      Nicht hinnehmbar ist allerdings, dass es weiterhin zahlreiche menschgemachte Gefahren gibt, die zwangsläufig vielen Tieren zum Verhängnis werden (z.B. ungesicherte Freileitungen). Entsprechende Vorbeugung könnte vielen Tieren ein Schicksal ähnlich dem ersparen, wie es der Storch mit gebrochenem Flügel erleidet.

      Nachdenkliche Grüsse aus Andalusien
      Holger Schulz

      • Hartmut Sauter schreibt:

        Guten Morgen Herr Schulz
        Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.Darüber haben wir uns sehr gefreut.Wir wünschen Ihnen und uns noch viele tolle Beobachtungen bei ihrem Projekt.
        Grüsse aus Bad Vilbel(Hessen)im Eisregen bei minus 1Grad
        von Familie Sauter

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