5. Februar 2011: Von wegen in den Lagunen …

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Die Suche nach dem Schlafplatz der Störche von der Deponie bei Medina Sidonia geht heute weiter – und sie sorgt für einen äussert spannenden Tag. Um es vorweg zu sagen: Endlich habe ich die Störche an ihrem Schlafplatz gefunden. Nicht an einer Lagune, sondern wesentlich weniger spektakulär: Auf dem blanken Boden eines frisch gepflügten Ackers. Mehr dazu im zweiten Teil dieses Eintrags.

Am Vormittag beschäftigt mich vor allem eine Frage: Wie findet man einen kleinen See wie die Laguna de Montellano, verborgen zwischen zahllosen Hügeln, und über normale Strassen nicht erreichbar? Kartenmaterial im kleinen Massstab habe ich nicht, also muss wieder mal die digitale Wunderwelt ran. Die Karten von Google Maps zeigen nicht nur Satellitenbilder, sondern bei entsprechender Einstellung und Vergrösserung sogar kleine Feldwege. In einem Navi, wie ihn heute fast jeder im Auto hat, werden solche Wege nicht angezeigt. Ein GPS jedoch erlaubt die Navigation anhand von Koordinaten. Und so programmiere ich in mein GPS die Punkte, an denen die Feldwege ihre Richtung ändern. Hintereinander gehängt, so, dass sie nacheinander angefahren werden können, ergibt sich aus den einzelnen Punkten eine Route. Und die sollte mich dann zum Ziel führen.

Gesagt, getan. Es dauert eine ganze Weile, bis alles berechnet und in das GPS eingegeben ist. Ob das Kartenmaterial von Google Maps aktuell genug war, das wird sich erst draussen im Feld zeigen. Und so fahre ich am Nachmittag los, gespannt, wo mich der elektronische Helfer GPS letztendlich hinführen wird. Daniel hat heute keine Zeit, ich bis deshalb diesmal auf mich alleine gestellt.

In Chiclana zeigt mir mein GPS auf 10 Meter genau den Beginn meiner Route. Ein schmale Piste zweigt hier von der Hauptstrasse ab und präsentiert mir sofort ihre Tücken. Tiefe Löcher, ausgewaschen vom letzten Regen, zwingen mich zu extrem langsamem Fahren. Die wenigen Jeeps, die mir begegnen, sind hier wohl öfters unterwegs. Sie klappern und röhren, was das Zeug hält, eine Warnung, selbst sehr vorsichtig zu sein. Nach etwa 4 Kilometern ist der zweite Wegpunkt erreicht, wie erwartet an einer Kreuzung. Jetzt soll es rechts weitergehn, auch das funktioniert. Aber bald zeigt die Technik, dass sie nicht alles weiss. Aus der löchrigen Piste wird ein schlammiger Pfad, mit von Traktoren gewühlten, wassergefüllten Rinnen. Mein Bus meistert, dank Allrad und Differnzialsperre, auch die schwierigen Stellen, wenn ich manchmal auch zuerst daran zweifle.

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Wegpunkt um Wegpunkt wird abgearbeitet, und langsam nähere ich mich dem Ziel. Der Gedanke, am Abend, im Dunkeln, durch diese Schlammschlacht zurück zu fahren, gefällt mir nicht. Aber erst mal ist es wichtig, den Schlafplatz zu finden. Dann endlich ist der vorletzte Wegpunkt erreicht, und das GPS zeigt nur noch 300 Meter zur Laguna de Montellano. Einen See erkenne ich nicht, und so frage ich einen Bauern, der mit seinem Jeep am Rand eines riesigen Ackers steht. Laguna de Montellano? Mitleidig guckt er mich an und meint: „Mit diesem Auto kommst Du dort nicht hin“. Die letzten paar hundert Meter müsse ich laufen. „Adios“ ruft er mir zu und braust mit seinem Jeep davon. Wasser und Schlamm spritzen bis übers Dach, und ich beschliesse, dem Mann zu glauben.

Zu Fuss mache ich mich auf den Weg, um die Lage zu erkunden. Und tatsächlich, nach ein paar Minuten sehe ich links die Laguna de Montellano liegen. Etwas kleiner ist sie als die Laguna de Jeli, aber ähnlich schön und verwunschen. Eingebettet von mit Reben bepflanzten Äckern, wirkt auch sie wie ein Fremdkörper in dieser intensiv bewirtschafteten Landschaft. Ein perfekter Ort für die Störche – davon bin ich zumindest im Augenblick noch überzeugt.

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Eine kleine Anhöhe am Rand der Piste bietet den perfekten Überblick über den See. Von hier aus will ich filmen und fotografieren, wenn die Störche eintreffen. Ich eile zurück zum Auto, um die Kamera zu holen, denn es ist bereits 18:30 Uhr. Die ersten Störche könnten bald kommen. Als ich gerade die Filmkamera zusammmenbaue, sind sie tatsächlich schon da. Erst nur zwei, dann zehn weitere nähern sich am Horizont aus Richtung Medina Sidonia. Aber sie fliegen über die Lagune hinweg und drehen am Himmel vor mir eine Runde. Dann landen sie. Und zwar mitten auf dem blanken Acker. OK, unten im Tal verläuft ein kleines Bächlein, aber das scheint sie gar nicht zu interessieren.

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Ich zögere noch, ob ich zu meinem Aussichtspunkt mit Blick auf die Lagune gehen oder erst mal lieber hier am Acker bleiben soll. Da erscheinen schon die nächsten Störche. Ich kann filmen, wie sie im Acker landen, in immer kürzeren Intervallen. Nach zehn Minuten stehen bereits 150 Störche auf der Erde, neue kommen ständig zielstrebig heran und landen ebenfalls auf dem öden Stück Land. Von wegen Lagune: Die Störche ziehen es offenbar vor, auf dem Acker zu übernachten. Um 19 Uhr zähle ich die inzwischen stark angewachsene Gruppe grob durch und komme auf bereits 1400 Vögel. Aber ständig fallen weitere ein. Kein Zweifel, ich habe den Schlafplatz der Störche gefunden. Im Ackerland, zwischen den wunderschönen Lagunen von Jeli und Montellano.

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Inzwischen ist es fast 19:30 Uhr, Zeit für den Weg zurück zu normalen Strassen. Zum Fotografieren und Filmen fehlt jetzt das Licht, und in völliger Dunkelheit möchte ich die schlechten Wege lieber nicht fahren. Noch immer treffen weitere Störche ein. Etwa 1 Hektar Ackerfläche ist inzwischen regelrecht von den Vögeln übersät. Vieles hatte ich erwartet – das jedoch definitiv nicht! Die aufwändige Suche nach den Vögeln hat sich jedenfalls gelohnt.

Zurück am Campingplatz in Conil finde ich auf der Website unseres Projekts einen Kommentar von Herrn Pirmin Hilsendegen vor (siehe Tagebuch vom 4. Februar). Er hat im Jahr 2008 die Deponien Medina Sidonia und Los Barrios besucht. Neben vielen anderen interessanten Beobachtungen hat er schon damals, vor 3 Jahren, am Boden übernachtende Störche gesehen. So ungewöhnlich ist dieses Verhalten also offenbar nicht. Aber was, um Alles in der Welt, bringt die Störche dazu, nach einem Tag im Müll die Nacht auf einem Acker zu verbringen und dafür 10 Kilometer weit im kräftezehrenden Ruderflug zurückzulegen? In Afrika jedenfalls konnte ich Ähnliches niemals beobachten, dort schliefen die Vögel entweder auf Akazien oder im flachen Uferbereich von Seen.

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